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ZeitRaumKunst

Text zur Kunst im Öffentlichen

 

HJB Worms 2006 von Norbert Illig

Was ist Kunst und was ist öffentlicher Raum?
Wie und wo kommt das zusammen und durch wen?

Der öffentliche Raum erschöpft sich ja nicht nur in Funktionsflächen fÜr fließenden und ruhenden Verkehr, sondern beinhaltet darÜber hinaus eben auch gestaltete Orte innerhalb eines gebauten StadtgefÜges, in dem die BÜrger eines Gemeinwesens öffentlich leben können. Ein hoher Anspruch, der uns aus Mittelmeerländern vertraut dazu fÜhrt, dass wir dort die öffentlichen Räume ebenso selbstverständlich benutzen und bevölkern wir die Einheimischen. Im (klimatisch) etwas kälteren Norden fällt uns das manchmal schwer. Da werden freie Flächen oft als Freiflächen begriffen und dementsprechend auch benutzt, aber nicht genutzt oder gar gestaltet.

Bevor wir uns mit Kunst im öffentlichen Raum beschäftigen, bedarf es demnach auch eines gemeinsamen Verständnisses Über Art, Qualität und Gestaltung des öffentlichen Raumes unserer Stadt. Dabei geht es nicht nur um einige wohlgeordnete Plätze und Parks, sondern auch um die Fassaden unserer Häuser, um die Art wie Geschäfte in diesem Raum um Aufmerksamkeit werben, wie wir unseren Kindern und Jugendlichen in diesem gemeinsamen Raum entsprechende Aufenthalts- und Nutzungsmöglichkeiten bieten und wie sich das alles mit all den verschiedenen technischen und funktionalen Anforderungen an ein komplexes Stadtgebilde vereinbaren und finanzieren lässt. Dies sind jedoch alles nur Voraussetzungen des eigentlichen Themas: Qualität des öffentlichen Raumes. DarÜber mÜssen sich Fachleute, BÜrger, Verwaltung, Architekten und KÜnstler verständigen. DarÜber muss und kann diskutiert und gestritten werden. Daraus entstehen könnte ein gemeinsames Bild, eine Vorstellung wie der Ort, den wir Stadt, oder vielleicht sogar Heimat nennen, beschaffen sein sollte.

Wir mÜssen uns darÜber verständigen, was wir ermöglichen und was wir verhindern wollen, wie unsere Stadt aussehen soll. Nicht nur heute, sondern auch morgen, Über den Tag hinaus. Dazu gehört auch der Mut nicht nur nach dem Gestern zu schauen und alles Alte gut zu finden und zu bewahren, sondern auch das Neue, das noch nicht so Sichere und Ungewisse zu wagen. Ob es sich dabei nun um Verkehrskonzepte, Gebäude, Kunstwerke, Festspiele oder Aktionen handelt.

Neben dieser öffentlichen Diskussion um das Bild der Stadt und die Schaffung von ÜberprÜfbaren Maßstäben fÜr eine Gestaltqualität im öffentlichen Raum, wie sie z.B. auch im Beitrag fÜr die Werkstatt Innenstadt erläutert wird, (vgl. Artikel von G. Frohnhäuser) bedarf es fÜr die Kunst im öffentlichen Raum auch einer Verständigung Über die Art und Weise wie und wo diese realisiert werden sollte.

Es muss ja nicht jedes Jahr ein neues Lutherdenkmal gebaut werden, um einmal ein beeindruckendes Beispiel vergangener Zeiten zu zitieren. Es kann ja auch etwas sein, was sich nicht in Bauten oder Plastiken manifestiert. Es können Festspiele sein, die das Leben und die Atmosphäre in der Stadt fÜr eine kurze Zeit verändern. Es können temporäre Installationen sein, die kurz und prägnant die Wahrnehmung eines Ortes verändern oder erneuern. Es muss nicht immer Kunst fÜr die Ewigkeit sein, die dann den öffentlichen Raum besetzt und einmal realisiert nicht nur andere Interventionen verhindert und Unterhaltskosten verursacht. Auch hier geht es also um eine Balance, um ein Ringen, um ein Konzept wie Kunst im öffentlichen Raum von Worms aussehen könnte. Da braucht es auch nicht sofort eine DurchfÜhrungsverordnung zur Nutzung des öffentlichen Raumes, ein Gestaltmanifest, einen Beirat, eine Kommission, oder einen Sonderbeauftragten. Der beste Anfang ist ein gemeinsames Gespräch, eine Verständigung, ein öffentlicher Diskurs, der klärt und informiert und dann auch motiviert. Ein Dialog der den Einzelnen motiviert und nicht irgendwelche Vertreter die dann stattdessen handeln. Der öffentliche Raum ist öffentlich und fÜr alle da. An der Nutzung und Gestaltung sollten sich auch alle beteiligen können.

Es gibt gute Ansätze und es gibt auch fÜrchterliche "Kunstabwurfstellen", wo etwas ohne Bezug zu Ort und Zeit realisiert wurde, was vielleicht in einem größeren Zusammenhang betrachtet, so nicht entstanden wäre. Es gibt Gebäudefassaden, die hervorragend saniert sind und Geschäftsfassaden, die vertuschen, dass sich dahinter mehrere qualitätsvolle Gebäude befinden. Es muss auch nicht auf jedem Kreisel ein Kunstwerk stehen. Es gibt auch so etwas wie Gartenkunst, Stadtbaukunst, Lichtkunst. Es gibt auch Musik und Spiel, was ja, nach Schiller, dem Menschen ermöglicht ganz Mensch zu sein.

Es gibt auch Kunst, die einfach Kunst ist. Einfach so, ohne Sockel, Absperrung und kultische Überhöhung. Kunst - einfach so!

 

Wie bei der Skulptur des Bildhauers Norbert Radermacher an einem Pfosten der Fußgängerabsperrung am Wormser Bahnhof. Sie fällt eigentlich kaum auf. Mancher wird vielleicht schon sein Fahrrad daran angeschlossen haben. Ein StÜck fÜr die Stadt. Ein ErinnerungsstÜck: "Die Säule vom heiligen Sand." Die Impressionen des KÜnstlers von den Grabmalen des Wormser Judenfriedhofs sind hier kÜnstlerisch an einen gegenteiligen Ort transformiert und erlauben so die Verbindung aus dem Heute in das Gestern - hoffentlich auch morgen.